FDP-Bundestagskandidat Tobias Mährlein ist in Norderstedt kein Unbekannter: Als die Stadt im Jahr 2008 mit dem Umbau der Kreuzung Ochsenzoll die Existenz zahlreicher Einzelhändler gefährdete, war er trotz allgemeiner Proteste der einzige, der sich zum Klageweg entschlossen hatte. Warum Mährlein jetzt für die FDP in den Bundestag einziehen will? „In der FDP darf man Freidenker sein.“

Tobias Mährlein gehört am Schmuggelstieg fast schon zum Inventar: Lange Jahre kannte man den 57jährigen als Geschäftsführer der Buchhandlung Ruschke; mittlerweile ist er Geschäftsführer der Elatus Buchhandlung am Ochsenzoll.

Aber auch ehrenamtlich begleitet er das Quartier rund um den Ochsenzoll seit Jahrzehnten. Über zwanzig Jahre war er Vorsitzender der „Interessengemeinschaft Ochsenzoll e.V.“, dem Zusammenschluss der örtlichen Kaufleute und Gewerbetreibenden. Das „Norderstedter Weinfest“, der „Ochsenmarkt“, der „Historischer Weihnachtsmarkt“ und viele weitere Veranstaltungen gehören seitdem zu den festen Bestandteilen des Norderstedter Kultur- und Veranstaltungslebens.

Dass Tobias Mährlein begonnen hatte, sich politisch zu engagieren, war keine Karriere-Entscheidung. „Ich bin auf kommunaler Ebene in die Politik eingestiegen, weil ich mich wie viele andere über Dinge in Norderstedt geärgert habe. Andere haben einfach nur weiter geschimpft. Ich habe mir aber gesagt: Wenn ich etwas ändern will, dann muss ich eben in die Politik.“

Existenzbedrohende Stadtplanung als Einstieg in die Politik

Die Bedrohung, denen sich die Geschäftsinhaber am Schmuggelstieg-Quartier ausgesetzt sahen, hatte nämlich im Jahr 2008 faktisch existenzgefährdende Dimensionen angenommen. Die Verkehrsbehinderungen, die sich dann über fast sieben Jahre hin zogen, führten tatsächlich zu zahlreichen Geschäftsaufgaben und Umsatzeinbrüchen von teilweise über 50 Prozent.

„Es wurde geprüft, ob die Schlappohrfledermaus in einem Baum beim Moby Dick nisten könnte oder ob der Stichling in der Tarpenbek durch die Bauarbeiten gestört würde“, so Mährlein damals zum Hamburger Abendblatt. „Aber wie es um die Auswirkungen auf die Umgebung und die Umsätze der Händler am Schmuggelstieg bestellt ist – dazu fällt nicht ein Wort.“

Rückgang der Kundenfrequenz

Zwar schimpften und protestierten viele Gewerbetreibende öffentlich über das Projekt. Doch am Ende war es Tobias Mährlein alleine, der sich gegen das bereits seit mehr als 30 Jahren schwelende Norderstedter Planungshobby per Klage gestemmt hatte. Ziel war nicht die Verhinderung des Kreisverkehrs am Ochsenzoll, sondern die Feststellung der zu erwartenden Umsatzeinbußen am Schmuggelstieg und die Unterstützung der betroffenen Händler durch die Stadt.

Der Rest liest sich fast schon wie ein „House of Cards“ auf lokaler Ebene: Als Reaktion auf die Klage legte die Stadt ein gemeinsam mit den Händlern aufgelegtes Programm zur Neugestaltung des Quartiers am Schmuggelstieg auf Eis.

Viele wettern, Tobias Mährlein wehrt sich

„Es war eine typische Situation“, erinnert sich Tobias Mährlein. „Zunächst haben ganz viele gegen das Projekt gewettert und selbst Klagen angekündigt. Als es dann ernst wurde, war ich der einzige, der tatsächlich ins Klageverfahren gegangen ist. Alle anderen haben den Schwanz eingezogen und gesagt, man wolle sich nicht mit der Stadtverwaltung anlegen. Aber das zieht sich bei mir einfach durch: Ich habe keine Angst vor Autoritäten. Ich wusste natürlich, dass der Oberbürgermeister nicht mehr mein Freund sein wird, weil das sein Lieblingsprojekt war. Aber so bin ich, und dazu stehe ich und da spannt sich wieder der Bogen zur FDP: In dieser Partei darf man nämlich durchaus ein Freidenker sein.“

Trotz der dann nach der Ablehnung der Klage dramatisch verschlechterten Umsatzlage mit vielen Schließungen ging Tobias Mährlein der Spaß an der Lokalpolitik nicht verloren. Als Mitglied im Norderstedter Ausschuss für Stadtplanung und Verkehr blicke man tatsächlich in die Zukunft.

„Alles, was man da beschließt, hat ganz handfeste Auswirkungen, die auch nicht mehr reparabel sind. Wenn man in einem Bebauungsplan sieben Stockwerke zulässt – das Gebäude steht dann. Damit wird man in Zukunft leben müssen und man bekommt dann auch den Ärger derer zu spüren, die nicht damit einverstanden sind. Eine Gesetzgebung zur Rentenreform kann man in drei Jahren wieder umkippen, dann ist eben wieder alles anders. Das Gebäude kippt man nicht wieder um.“

Sorgen hinter vorgehaltener Hand

Der Wunsch, sich über lokale Themen hinaus zu engagieren, rührt allerdings nicht von Parteitagen oder aus den Diskussionen in elitären Zirkeln her, sondern von der Erfahrung mit Menschen, denen er als Buchhändler Tag für Tag begegnet.

„Ich habe gemerkt, dass ich bei den Menschen relativ gut ankomme, weil ich sehr bodenständig bin. Ich werde nämlich jeden Tag hier in der Buchhandlung damit konfrontiert, wie die Stimmung in der Bevölkerung  ist. Nichts ist interessanter, als sich jeden Morgen die Kommentare zur BILD-Zeitung anzuhören. Zum Beispiel konnte man dieses Unwohlsein rund um die Flüchtlingsthematik schon sehr frühzeitig spüren. Bei vielen Menschen, gerade bei den älteren Leuten, ist das Angst vor allem, was man pauschal unter dem Thema Islamismus abhandeln kann.“

Diese Gespräche liefen trotzdem hinter vorgehaltener Hand ab – man sei ja schließlich kein Rechter, wurde ihm immer wieder versichert.

„Diese Stimmung hat schon sehr lange gebrodelt, und es ist bemerkenswert, wie lange es gedauert hat, bis diese wirklich bei den verantwortlichen Politikern überhaupt angekommen ist. Es geht ja nicht nur darum, was man intellektuell für richtig hält und was für das Wahlergebnis wichtig sein könnte, es geht darum, was kann man der Bevölkerung insgesamt zumuten?“

Berufserfahren statt Berufspolitiker

Tobias Mährleins erster großer Auftritt folgte dann auf dem Landesparteitag der FDP im Mai 2017. Und dort war es ein Auftritt mit bewusster Bodenhaftung, denn eines will der dreifache Familienvater niemals sein: Ein typischer Berufspolitiker.

„Auf dem Landesparteitag habe ich auch so geredet, wie ich jetzt rede. Das war wohl etwas anders als das, was andere da vorbereitet hatten“, schmunzelt Tobias Mährlein. „Mit Sicherheit hatten andere eine viel perfektere Rede mitsamt globalpolitischen Rundumschlag. Aber das hatte man so schon hundertmal gehört und hat dann eher abgeschaltet. Und so fühle ich mich ganz wohl in der Rolle dessen, der die Bodenhaftung nicht verloren hat. Und ich denke, dass auch ein guter Mix der Kandidaten unheimlich wichtig ist.“

So bemängelt der Norderstedter unter anderem, dass insbesondere in den Problembereichen Aus- und Fortbildung deutlich zu wenig Kompetenz im Bundestag vertreten ist. „Ich bin der Meinung, dass es ganz konkret im Bundestag viel zu wenige Menschen gibt, die wirklich ihr Leben lang hart gearbeitet haben und nicht nur theoretisch über Ausbildung reden können. Ich habe Dutzende von Auszubildenden durch meinen Betrieb geschleust und behaupte damit besser zu wissen, wo die Probleme liegen, als so mancher Berufspolitiker.“

Zu wenig Kompetenz im Bundestag

So sei der typische Berufspolitiker zur Schule gegangen, habe Politikwissenschaften studiert, um dann über das Büro eines Bundestagsabgeordneten als wissenschaftlicher Mitarbeiter später selbst in den Bundestag gewählt zu werden.

Mährlein: „Der hat doch alles nur theoretisch kennen gelernt! Der weiß doch niemals, wie schwer es ist, wenn man am Ende des Monats die Gehälter zahlen muss, aber nichts auf dem Konto ist. Der weiß nur: Bis zum 20. des Monats ist mein Geld da. Da fehlt auch die Sicht darauf, wie hart andere ihr Geld verdienen. Es gibt einige Kunden bei uns im Laden, die mir wirklich sagen: Stellen Sie mir das Buch bitte zurück, ich komme am Monatsende. Warum kommen die erst am Monatsende? Das muss man wohl nicht hinterfragen. Aber denen ist das Buch für zehn Euro so wichtig, dass sie es sich in ihrem Budget einplanen, obwohl es nicht einfach für sie ist. Deswegen habe ich wirklich Respekt vor Leuten, die für ihr Geld verdammt hart arbeiten müssen.“

Im Bundestag will Tobias Mährlein die Bereiche Bildung und Sport zu seinen Kernthemen machen.

„Dazu gehört für die FDP insbesondere auch die Digitalisierung, aber heruntergebrochen für den normalen Menschen. Digitalisierung ist immer noch häufig wieder mit Ängsten verbunden, die mit Überforderung oder mit Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz verbunden sind. Wir müssen zeigen, was man mit Digitalisierung überhaupt erreichen kann und zwar auch über das Gaming hinaus: Ohne diese Kernkompetenzen ist man für die Zukunft nicht gerüstet.“

Bildung ist für den FDP-Kandidaten allerdings auch in Zeiten von viralen Kampagnen, von Fake-News und der Hypes im Internet umso wichtiger. „Ein großes Problem ist doch die Medienkompetenz. Natürlich kommt ein Donald Trump oder auch die AfD aus dem Bedürfnis vieler Menschen heraus, in dieser immer komplizierter werdenden Welt einfache Antworten zu finden. Und von denen werden natürlich einfache Antworten geliefert. Das ist das alte Schema – man sucht sich ein Feindbild. Wenn man da draufhaut, muss man nicht mehr über die Probleme an sich diskutieren, sondern man hat einfach einen Schuldigen. Um dem zu begegnen, müssen wir in Medienkompetenz investieren – und zwar auch bei jungen Leuten.“